Als sich die Leuphana, eine der kleinen und jungen Universitäten in Deutschland, vor etwa zwei Jahrzehnten neu definierte, stand der Wille zu besonderer „Qualität“ einer interdisziplinär ausgerichteten Lehre im Mittelpunkt. Der Bologna-Prozess wurde im Unterschied zu anderen Hochschulen modellartig gefasst und führte zu einer umfassenden Neustrukturierung der Lüneburger Universität. Nicht nur die vier Fakultäten Bildung, Kultur, Nachhaltigkeit und Wirtschaft, sondern insbesondere die fakultätsübergreifenden Schools – College, Graduate und Professional School – sollten eine interdisziplinäre wissenschaftliche Ausrichtung in Lehre, Forschung und Transfer sowie ein Zusammendenken dieser drei grundlegenden universitären Aufgabenbereiche in allen Studiengängen garantieren, vor allem im Bachelor.

Das sogenannte Leuphana-Semester ist für die Studienanfänger/innen der Einstieg in die Wissenschaft. Alle Studierenden haben im modularen Lehrangebot des ersten Semesters dasselbe fächerübergreifende Wahlprogramm, das die unterschiedlichen Methoden, Denkweisen und Verstehensprozesse der Wissenschaften grundlegend vermitteln soll.

Das College der Leuphana wird 2020 dreizehn Jahre alt – eigentlich eine gute Zeit, um erwachsen zu werden. Leider gibt man an deutschen Universitäten guten Projekten kaum eine Chance, aus der Pubertät endlich in ein nachhaltigeres Stadium des Erwachsenseins zu treten. Jedenfalls lohnt es, zurückzublicken und die mit dem Studienmodell verbundenen Ideale „guter“ Lehre nochmals hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit zu reflektieren.

Text lesen:  „Was ist gute Lehre“

Vortrag auf der Tagung „Bewegende Körper – Bodies in Motion“

3. Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft

Veröffentlichung:

Against Metaphor – Against Interpretation: Widerständige Sprachfiguren der Verkörperung. In:Literatur in der Medienkonkurrenz: Medientranspositionen 1800 -1900 – 2000. Dörr, V. & Goebel, R. J. (Hrsg.). Bielefeld: Aisthesis Verlag 2018

Die De­fi­ni­tio­nen Eu­ro­pas in ih­rer Re­la­ti­on zum Be­griff der Mi­gra­ti­on sind von vor­aus­set­zungs­vol­len his­to­ri­schen wie ak­tu­el­len Iden­titätskon­struk­tio­nen abhängig. Die Be­stim­mun­gen des „Ei­ge­nen“ und „Frem­den“ durch räum­li­che Grenz­zie­hun­gen prägen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts we­ni­ger na­tio­na­le Kon­zep­te, sie sind viel­mehr in den di­ver­sen Ar­gu­men­ta­ti­ons­mus­tern des Eu­ro­pa-Dis­kur­ses vi­ru­lent. In den sich auffällig lo­kal bzw. re­gio­nal for­mie­ren­den Pro­test­be­we­gun­gen ge­gen Mi­gra­ti­on wie Glo­ba­li­sie­rung spielt die de­zi­diert ge­gen “außer­eu­ropäische Kul­tu­ren“ ge­rich­te­te Ag­gres­si­on eine zen­tra­le Rol­le. Aber auch in der Grenz­si­che­rung der Eu­ropäischen Uni­on und in der Ver­ur­tei­lung is­la­mis­ti­scher Ter­ror­an­schläge und Ge­walt wur­de und wird auf eine „kul­tu­rel­le“ eu­ropäische Iden­tität im Sin­ne uni­ver­sa­lis­tisch wirk­sa­mer Wert­set­zun­gen der eu­ropäischen Aufklärung – De­mo­kra­tie, To­le­ranz, Selbst­be­stim­mung, Öko­no­mie – re­kur­riert. Die­se sind wei­ter­hin auf ein räum­lich ver­an­ker­tes Selbst­verständ­nis an­ge­wie­sen.

An­ge­sichts der ak­tu­el­len Of­fen­le­gung ei­ner man­geln­den Ein­heit und Iden­tität Eu­ro­pas bre­chen nur schein­bar Kon­nex und Ver­an­ke­rung des Wie­der­er­kenn­ba­ren und Iden­ti­schen in na­tio­na­len, re­gio­na­len wie auch kon­ti­nen­ta­len Kol­lek­ti­vie­rungs­mus­tern zu­sam­men. Der he­ge­mo­nia­le Ges­tus der Selbst-Ermäch­ti­gung und Selbst-Bestäti­gung ge­gen die aus dem „außer­eu­ropäischen“ Raum Flie­hen­den le­gi­ti­miert sich zu­neh­mend über den Kul­tur-Be­griff selbst – eine Ent­wick­lung, zu der sich die nach ihm be­nen­nen­den (Kul­tur-)Wis­sen­schaf­ten ver­hal­ten müssen. Während „Eu­ro­pa“ in sei­ner af­fir­ma­ti­ven, iden­titäts­stif­ten­den Zu­schrei­bung wie­der an Wert ver­liert, wird der Kul­tur-Be­griff im ak­tu­el­len po­li­ti­schen Dis­kurs präsen­ter. Da­bei geht es je­doch wei­ter­hin um räum­li­che Ver­an­ke­run­gen der je­wei­li­gen Iden­ti­fi­ka­ti­on, sei es in Spra­che, Kol­lek­ti­vie­rung, Er­in­ne­rung oder emo­tio­na­ler Bin­dung.

Migration und Europa in kulturwissenschaftlicher Perspektive
Zweite Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft (KWG)
6. bis 8. Oktober 2016 an der Universität Vechta

Pa­nel: Über­setz­te Fi­gu­ra­tio­nen. Räum­li­che Entwürfe eu­ropäischer „Kul­tur“ (Lei­tung: Ul­ri­ke Stei­er­wald)

Siehe auch: Transiträume der Flucht auf www.literaturkritik.de

und

Ulrike Steierwald, « Europa – Heimat als Groteske », Germanica [En ligne], 56 | 2015, mis en ligne le 30 septembre 2017, consulté le 24 août 2019. URL : http://journals.openedition.org/germanica/2903

JOHANN GEORG KEYSSLERS NEUESTE REISEN (1740)

„Ehe der Rhein zu sei­nem sehr stei­len Schuß kommt, ra­gen hin und wie­der vie­le Fel­sen aus dem Grun­de her­vor. Beym Fal­le selbst theilt er sich in drey Flüsse, wel­che durch ih­ren grünen Grund und ihr schnee­weißes Stru­deln dem Zu­schau­er eine an­ge­neh­me Au­gen­wei­de, hin­ge­gen durch das Brau­sen sei­nem  Gemühte so­wol Be­wun­de­rung als Ent­set­zen ver­ur­sa­chen.“ – Nein, die­se Pas­sa­ge über den Rhein­fall bei Schaff­hau­sen ist kein Aus­schnitt aus Wil­helm Hein­ses viel­zi­tier­ter Be­schrei­bung in sei­nem Rei­se­ta­ge­buch von 1780, son­dern ent­wirft eine thea­tra­le Sze­ne­rie aus den vier­zig Jah­re zu­vor er­schie­ne­nen  Neu­es­ten Rei­sen von Jo­hann Ge­org Keyßler. Die­se im 18. Jahr­hun­dert meist re­zi­pier­te Rei­se­be­schrei­bung „durch Deutsch­land, Böhmen, Un­garn, die Schweiz, Ita­li­en und Loth­rin­gen“ ent­spricht nicht den durch die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft kon­stru­ier­ten gat­tungs­poe­to­lo­gi­schen Stan­dards. Li­te­ra­tur­ge­schicht­lich wer­den An­schau­lich­keit und nar­ra­ti­ve Ver­ge­genwärti­gun­gen von Re­kon­struk­tio­nen  rei­send er­fah­re­ner Räume erst in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts ver­or­tet. Die seit der Jahr­hun­dert­mit­te ex­pan­die­ren­de,  um­fang­rei­che Rei­se­li­te­ra­tur-Pro­duk­ti­on im Geis­te der bürger­li­chen Bil­dungs­rei­se verführte dazu, das frühe 18. Jahr­hun­dert und da­mit die Ent­ste­hungs­zeit der Keyßler­schen Rei­sen gat­tungs­poe­tisch als „Vor­ge­schich­te“ des li­te­ra­ri­sier­ten Rei­sens im en­ge­ren Sin­ne und da­mit auch den Text als nicht li­te­ra­risch zu be­trach­ten. Als Leh­rer und Be­glei­ter auf der aris­to­kra­ti­schen Grand Tour voll­zieht Keyßler zwar kei­ne „li­te­ra­ri­sche Rei­se“ im Sin­ne der bürger­li­chen In­di­vi­dua­ti­on des Bil­dungs­ro­mans. Aber wie in kei­nem an­de­ren Be­richt die­ser Zeit kann hier das vom Mo­dus des Rei­sens aus­ge­hen­de Den­ken der Erzählung, des Ent­wurfs, der räum­li­chen Be­we­gung nach­voll­zo­gen wer­den, das erst viel später – an der viel­be­schrie­be­nen Epo­chen­schwel­le um 1800 – zum Kon­strukt sinn­li­cher, in­di­vi­du­el­ler Er­fah­rung wer­den wird.

Ulrike Steierwald:

Bewegte Betrachtung. Zur Literarisierung des Reisens. Vortrag auf dem 25. Germanistentag 2016, 25.-28. September 2016, Bayreuth / Panel: Erfahren, erspüren, empfinden: Techniken der sensuellen Vergegenwärtigung in der Reiseliteratur.

Erschienen in:

Keyßlers Welt. Europa auf Grand Tour, hrsg. von Achatz von Müller, u.a.. Göttingen: Wallstein 2018, S. 229-254.

 

In Erweiterung erschienen im Verlag Duncker & Humblot, 2016 >> Mehr

Der niemals begonnene Beginn ist der Albtraum des Autors. Würde er sich schlicht in die mythologische Tradition der ewigen Wiederholung des schon Gesagten, schon Geschriebenen einreihen, wäre sein Selbstverständnis als Urheber und Schöpfer in Frage gestellt. Eine ,,Antritts“-Vorlesung hingegen gibt durch den Ritus des Antretens, des Eintretens in die lnstitution der Universität einen Rahmen vor. Mit den literarischen Entwürfen des Anfangs haben es die Schriftsteller/innen seit der Geburt des freien Autors im 18. Jahrhundert und der Loslösung von den traditionsreichen historischen Regelpoetiken schwerer. Die Antrittsvorlesung skizziert Strategien und Riten, die das erste, leere Blatt dennoch immer wieder füllen.

Die Leuphana Universität Lüneburg verlieh der Büchnerpreisträgerin und unzählige Male ausgezeichneten Autorin Felicitas Hoppe 2016 die Ehrendoktorwürde. Es stand also kein weiterer Preis auf dem Programm, auch keine Poetikvorlesung, kein Talk, kein Auftragswerk, keine PR-Tour für ein neues Buch. Es ging schlicht und einfach um Würde und Ehrung. Aber Wie ehrt man richtig? Noch dazu eine Schriftstellerin, die selbst über die Fragen der Ehre und Würde in ihren Werken gern reflektiert. Wir entschieden uns für eine Disputation ….

Felicitas Hoppe / Ulrike Steierwald: Wie ehrt man richtig? Laudatio und Dank. Anlässlich der Verleihung der Ehrenpromotion an Felicitas Hoppe, dies academicus am 6.7.2016. Leuphana Universität Lüneburg

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Die Private Sammlung:

Zeitgenössische Literatur zwischen Kontextualisierung und Vereinzelung

Wal­ter Ben­ja­mins Re­fle­xi­on „Ich pa­cke mei­ne Bi­blio­thek aus“ be­schreibt nicht nur die je­der Samm­lung ei­ge­ne Dia­lek­tik der Se­lek­ti­on und Zu­sam­menfügung von Tex­ten, son­dern – in Ana­lo­gie – auch das Wech­sel­spiel von Ver­ein­ze­lung und Kon­textua­li­sie­rung im Ges­tus des Schrei­bens selbst. Im Mo­ment des Aus­pa­ckens, in dem sich die pri­va­te, zu­sam­men­gefügte Ord­nung der Bi­blio­thek im pa­ra­do­xen Zu­stand ei­nes Um­zugs, ei­ner Rei­se oder des Exils –je­den­falls im Mo­dus der Mo­bi­lität und des Vorläufi­gen  be­fin­det – ma­ni­fes­tie­ren sich an der in ei­nem neu­en Kon­text wahr­ge­nom­me­nen Ma­te­ria­lität der Bücher auch neu re­flek­tier­te und erzählte Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­ten. Da­bei schafft der pri­va­te Raum, der trotz Mo­bi­lität und Vorläufig­keit durch die Er­in­ne­rung an die An­eig­nungs­ge­schich­ten der Bücher ent­steht, eine an­de­re ge­dank­li­che Ord­nung, in der ein ei­ge­nes Spre­chen und Schrei­ben be­gin­nen kann.

Der Vor­trag ana­ly­sierte Mo­bi­lität und Vir­tua­li­sie­rung als Kon­di­tio­nie­run­gen und Ge­lin­gens­be­din­gun­gen der zeit­genössi­schen Li­te­ra­tur. Sie ste­hen nur schein­bar im Ge­gen­satz zum Raum der Samm­lung in de­ren Ma­te­ria­lität, son­dern ma­chen viel­mehr die in Ben­ja­mins „Ich pa­cke mei­ne Bi­blio­thek aus“ sicht­bar wer­den­de Dia­lek­tik von Kon­textua­li­sie­rung und Kon­text­flucht – Öffent­lich­keit und Ver­ein­ze­lung – deut­lich. Es zeigt sich, dass auch in den Schreib­ver­fah­ren der Ge­gen­wart die Span­nung zwi­schen in­ter­tex­tu­el­len Ver­wei­sun­gen im Sin­ne der Samm­lung und ei­ner ubi­quitären Ästhe­ti­sie­rung der Le­bens­wel­ten of­fen bleibt.

Ort / Zeit: Autorschaft und Bibliothek: Sammlungsstrategien und Schreibverfahren, Internationale Tagung, Klassik Stiftung Weimar, 8. bis 10. November 2016   Mehr >>

 

TANDEM: LITERATURWISSENSCHAFT UND WISSENSSOZIOLOGIE
Interdisziplinäre Tagung, Hannover, Schloss Herrenhausen, 2015

Während sich eine kul­tur­wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­te­te Phi­lo­lo­gie seit länge­rer Zeit den pro­duk­ti­ons- und re­zep­ti­onsästhe­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen des Be­wusst­seins und sei­ner sprach­li­chen Pro­jek­tio­nen zu­ge­wandt hat, fo­kus­siert kom­ple­mentär die Wis­sens­so­zio­lo­gie die sprach­lich-sym­bo­li­sche Ver­fasst­heit von Kul­tur und Ge­sell­schaft. Der Vor­trag be­leuch­tet aus die­ser zwei­fa­chen Per­spek­ti­ve zeit­genössi­sche ästhe­ti­sche und all­tags­kul­tu­rel­le Pro­duk­ti­ons- und Les­ar­ten am Bei­spiel der ge­sell­schaft­li­chen Dis­kur­se „Bil­dung“ und „Nach­hal­tig­keit“. Ihre Kern­kon­zep­te wer­den als zu ana­ly­sie­ren­de und zu deu­ten­de Ima­gi­na­tio­nen auf­ge­fasst.

Die bis­he­ri­ge Zurück­hal­tung der Phi­lo­lo­gi­en ge­genüber den ak­tu­ell so wir­kungsmäch­ti­gen So­zia­li­sa­ti­ons­in­stan­zen der Bil­dungs- und Nach­hal­tig­keits­dis­kur­se liegt we­ni­ger dar­an, dass sie All­tags­kul­tu­ren repräsen­tie­ren, son­dern dass sie ex­pli­zit bzw. sehr of­fen­sicht­lich von ge­sell­schaft­lich-nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben geprägt sind, die die Ge­fahr ber­gen, den wis­sen­schaft­li­chen Blick selbst un­ter Ideo­lo­gie­ver­dacht ge­ra­ten zu las­sen. Wir­kungsmäch­tig sind bei­spiels­wei­se für die „Nach­hal­tig­keit“ das Dis­po­si­tiv der Be­wah­rung, für die „Bil­dung“ das der Ent­wick­lung, also zwei auch mit ge­genwärti­gen po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Dis­kur­sen eng ver­schränkte Nor­ma­lis­men. Eine Phi­lo­lo­gie, die zu­min­dest auch auf Re­le­vanz in der zeit­genössi­schen Kul­tur zielt, kann dort an­set­zen und sich bei ih­rer Ana­ly­se auf eine er­neu­er­te, pro­duk­ti­ons- und re­zep­ti­onsästhe­tisch aus­ge­rich­te­te Me­tho­do­lo­gie des Ver­ste­hens stützen. Im Be­wusst­sein für die im­pli­zit im­mer schon wirk­sa­men nor­ma­ti­ven Dis­po­si­ti­ve – auch der ei­ge­nen Wis­sen­schaft – könnte so in der Ent­wick­lung ak­tu­ell re­le­van­ter Fra­ge­stel­lun­gen auch eine Ver­mitt­lungs­funk­ti­on für un­ter­schied­li­che kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­pli­nen ei­ge­nom­men wer­den.   Mehr

HERTA MÜLLERS POETOLOGIE DER BILDLICHKEIT IM SPANNUNGSVERHÄLTNIS VON ÄSTHETIK UND POLITISIERUNG

Tagung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 11. – 13. Februar 2015 im Kloster Bronnbach

Wie po­si­tio­nie­ren sich Her­ta Müllers li­te­ra­ri­sche Tex­te, die von ei­ner stu­pen­den Bild­lich­keit und nach ih­rer ei­ge­nen Poe­to­lo­gie „vom Schwei­gen“ ge­lernt sind, im zeit­genössi­schen öffent­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs? War­um steht eine Au­to­rin, die sich ex­pli­zit nicht als öffent­li­che Per­son se­hen möchte und ihre Li­te­ra­tur als „er­fun­de­ne Wahr­neh­mung“ be­zeich­net, im­mer wie­der im Zen­trum des öffent­li­chen Re­dens und Schrei­bens über die kom­ple­xe Re­la­ti­on von Ästhe­tik und Po­li­tik? Mein Vor­trag ana­ly­siert Bei­spie­le, die die aus die­ser Wi­dersprüchlich­keit re­sul­tie­ren­de Schwie­rig­keit ei­ner Po­si­tio­nie­rung auf­zei­gen (No­bel­preis­ver­lei­hung 2009, Po­di­ums­gespräch mit Ai Wei­wei auf der lit.Co­lo­gne 2010, Po­di­ums­gespräch „Wie viel mo­ra­li­schen und po­li­ti­schen Kre­dit hat die Li­te­ra­tur zu ver­ge­ben?“ DLA Mar­bach 2011 u.a.). Her­ta Müllers li­te­ra­ri­sche Tex­te wie auch ihre Poe­to­lo­gie os­zil­lie­ren im Span­nungs­verhält­nis von In­sze­nie­rung und De­kon­struk­ti­on. Ihre Skep­sis ge­genüber den po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen des li­te­ra­ri­schen Dis­kur­ses wehrt sich ge­gen die Me­cha­nis­men des Funk­tio­nie­rens, des in den Dienst Neh­mens der Spra­che. Mit die­ser Ästhe­tik erfüllt Her­ta Müllers Li­te­ra­tur nicht nur die seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten vi­ru­len­ten li­te­ra­tur­theo­re­ti­schen Pa­ra­dig­men ei­ner Poe­to­lo­gie der Körper und Bil­der, sie trifft sich hier­in auch mit an­de­ren Au­to­rin­nen und Au­to­ren der Ge­gen­wart. Mein Vor­trag zeigt, dass Müllers Tex­te ei­ner­seits die Am­bi­va­lenz der Spra­che um­krei­sen, an­de­rer­seits – so­bald sie in die me­dia­le Öffent­lich­keit ein­tre­ten – selbst auf ei­nem schma­len Grat aus­ge­setzt sind, der zwi­schen Re­le­vanz und Ver­ein­nah­mung, In­sze­nie­rung und Funk­tio­na­li­sie­rung, In­di­vi­dua­ti­on und De­kon­struk­ti­on verläuft. In­so­fern ent­spre­chen sie ei­ner­seits heu­ti­gen Wer­tungs­kri­te­ri­en der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft und Kul­tur­theo­rie, ver­wei­gern sich aber an­de­rer­seits im­mer wie­der ei­ner Sys­tem­kon­for­mität und da­mit Po­si­tio­nie­rung. >> Veröffentlicht