Leuphana Universität Lüneburg, WS 2026/27

Literatur als Geschichte des Europäischen Theaters der Moderne (Vorlesung / BA)

„Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu machen“ – zitiert die Schriftstellerin Katerina Poladjan 2026 auf der Leipziger Buchmesse aus Thomas Manns „Der Zauberberg“ (1924) und sieht in dieser These auch die offene Frage aufbrechen, was die Künste in der heutigen Gegenwart überhaupt noch bewirken können.

Um Möglichkeiten der Beantwortung dieser Frage auszuloten, wird in dieser Vorlesung die Geschichte der deutschsprachigen Literatur in der Europäischen Moderne als Theatergeschichte in den Fokus genommen. Dabei wird „Theater“ als ein genuiner Schauplatz der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verstanden, der tatsächlich immer die offenen Fragen nach der politischen Wirksamkeit der Künste stellte und in den jeweiligen Konzepten und Inszenierungen sichtbar machte. Der in der Vorlesung „Ästhetik, Rhetorik, Mimesis“ des Sommersemesters vermittelte Literaturbegriff prägt sich kulturgeschichtlich nicht zuletzt an diesen Fragen aus und beschreibt die eklatanten Verschiebungen und Transformationen in den Denkweisen, Wissenshorizonten und medialen Praktiken der Jahrhunderte.
Immer ist die Literatur ein öffentlicher, diskursiver Austragungsort, an dem sich andere – normative, funktionale, ideologische und bildungspolitische – Diskurse brechen können. Daher lässt sich im Ringen um ein spezifisch deutschsprachiges Theater des 18. bis 20. Jahrhunderts aufzeigen, inwieweit die Kulturgeschichte seiner Wahrnehmung – seiner emotionalen und damit auch politischen und bildungstheoretischen Wirksamkeit – zu verstehen ist. So bringt die Geschichte des Phänomens „Theater“ nicht zuletzt Erhellendes über die gegenwärtige gesellschaftliche Situierung der Künste zu Tage. In einer von Ängsten, Verunsicherung, Gewalt, Diskriminierung geprägten Öffentlichkeit und einem in Deutschland sich gerade wieder politisch etablierenden Rechtsextremismus ist auch eine wachsende Aversion und Aggression gegenüber den Künsten (wie auch den Wissenschaften) zu beobachten.
Das „Theater“ lässt sich heute – in der medialen Vereinzelung KI-gesteuerten Sprechens, Schreibens und Handelns – nur bedingt als ein konkretes, physisches Aufeinandertreffen von sich als Personen verstehenden Subjekten beschreiben. Und dennoch könnte es eine Möglichkeit bieten, nicht nur Erhellendes zum Verständnis der Gegenwart beizutragen, sondern sich auch ihrem Gefahrenpotential kritisch und sprachlich bewusst zu stellen.

Körperbilder – Körpertexte – Skulptur von Lessings ‚Laokoon‘ bis de Bruyckeres ‚Arcangelo‘ (Seminar / Mastermodul Medialität)

Der lebendige „Körper“, als notwendige Bedingung von Kognition und Weltzugang, ist einer der meistdiskutierten Begriffe in unterschiedlichen Diskursen der Kulturgeschichte und Gegenwart: In der phänomenologisch basierten Bewusstseinsphilosophie des Leibes, in der posthumanistischen Kritik an der Abgrenzbarkeit dieses Leib-Begriffs, in den aktuellen neurophysiologischen Forschungen und nicht zuletzt in der Geschichte des Wissens (Epistemologie) um die Physis des Lebendigen. Jenseits der hegemonialen Selbstbehauptungen des aufgeklärten Subjekts haben sich die Künste seit dem späten 18. Jahrhundert bis heute mit den Voraussetzungen, Widersprüchen und insbesondere mit dem Gewaltpotential der jeweiligen Körperkonzepte auseinandergesetzt.
Der Körper erscheint als Wahrnehmungsorganismus und zugleich Figuration und Ausdruck, als ein Medium per se.
Literarische und künstlerische Positionen formulierten die offenen Fragen nach den Verkörperungen der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens jenseits geklärter Grenzziehungen. Schon im 17. Jahrhundert, parallel zu den dualistischen Konzepten der Aufklärung (Mensch/Umwelt, Verstand/Gefühl, Materie/Transzendenz) zeichneten sich normative Körperdiskurse und Körperpraktiken ab in denen dessen materielle Einbettung in die Natur immer weiter aus dem Blickfeld geriet. Überschneidungen, wechselseitige Einflüsse und Widersprüche von künstlerischen und biologischen bzw. medizinischen Diskursen bestimmen dabei die Grenzverschiebungen in der Greifbarkeit und Begrifflichkeit von menschlichen Körpern.
Das Seminar widmet sich der Sprachbildlichkeit von Körpertexten in ihren Visualisierungen, Beschreibungen, Modellierungen und in ihrem kritischen Potenzial seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Der kulturgeschichtliche Bogen reicht von Lessings Körper-Reflexionen bis zu aktuellen künstlerischen oder literarischen Positionen, wie Berlinde De Bruyckeres grenzauflösenden Installationen oder Christine Wunnickes mit dem Büchner-Preis 2026 ausgezeichnetem Roman „Wachs“.

Literaturpreis(ung) live: Awarding Awards for Best Literature: Die LiteraTour NORD 2026/27 (Seminar BA / zusammen mit Dr. Svenja Frank)

Die Lesereise um den Preis der LiteraTour Nord ist ein einmaliges Projekt von norddeutschen Kultureinrichtungen, Buchhandlungen, Universitäten und einer Stiftung (VGH). Gemeinsam laden wir fünf deutschsprachige Autor:innen ein, ihre aktuellen Romane in sieben Städten vorzustellen. Welche dieser Neuerscheinungen am Ende der Lesereise als ‚Beste‘ ausgezeichnet wird, entscheiden die Jury der LiteraTour Nord und das Publikum der Lesereise.
Das projektbegleitende Seminar der Leuphana Universität steht in enger Verbindung mit der Reisestation „Lüneburg“, deren Lesungen im Literaturbüro (Heinrich-Heine-Haus) stattfinden werden. Der Wettbewerb bietet ein gesellschaftliches Forum für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und eröffnet zugleich einen Reflexionsraum für die existenziellen wie politischen Fragen dieser „Gegenwart“.

Die von der Jury ausgewählten Autor:innen und ihre Romane: Shida Bazyar: Die Lücken / Elias Hirschl: Schleifen / Svenja Leiber: Nelka / Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es geschehen / Kerstin Preiwuß: Wir alle

Kulturen der Unordnung (Master-Kolloquium)

„Ohne Ordnung ist Abweichung nicht zu denken. Und ohne Abweichung ist nichts Neues zu denken. Jede Innovation braucht Ordnung und Abweichung gleichermaßen.“ (Michael Lentz)
Nicht erst seit Michel Foucaults Kulturgeschichte einer „Ordnung der Dinge“ wissen wir, dass Kultur über die Wirksamkeit der sie formierenden Machtgesetze analysiert werden kann. Die sehr offensichtlich Form, Struktur, Orientierung, Sozialisation und Kontrollierbarkeit stiftenden Kulturen der „Bildung“ sind ohne die wirkungsmächtigen Imaginationen der „Un-Ordnung“ nicht denkbar. In diesem Modul stehen Repräsentationen und Projektionen von Störung, Destabilisierung und Dysfunktionalität im Mittelpunkt, die die jeweils wirksamen Normalismen irritieren, um sich anschließend in neuen Strukturen zu etablieren oder eingeebnet zu werden.

Das über zwei Semester laufende Forschungsband (max. 15 TN) macht bewusst ein breites wie methodisch präzis definiertes Feld von konkreten Forschungsfragen auf, um den Studierenden die Möglichkeit zu geben, selbständig einen themen- und forschungsspezifischen Ansatz zu entwickeln.