Leuphana Universität Lüneburg, Sommer 2021

Ästhetik – Rhetorik – Mimesis (Vorlesung)

Die Vorlesung bietet einen Überblick über die Theorie der Literatur und die Praxis der Literaturwissenschaft in ihrer Geschichtlichkeit und Gegenwart. Die Vielfalt möglicher Antworten auf die Frage „Was ist Literatur?“ bzw. „Was ist ein Text?“ im Rahmen der Philologien steht im Zentrum. Die Fragestellung wird zum Ausgangspunkt für das wissenschaftlich begründete Lesen sowie das Sprechen und Schreiben über literarische Texte. In Wahlpflichtseminaren werden die in der Vorlesung vermittelten Grundlagen thematisch konkretisiert.
Die Wahlpflichtseminare im Sommer 2021:
Dr. Katrin Dammann-Thedens: Literatur im Wechselspiel von Bildlichkeit und Textualität
Dr. Tilmann Lahme: Poetik der Kinder- und Jugendliteratur
Dr. Marlene Meuer: Literarische Formen und Literaturwissenschaft
Apl. Prof. Dr. Harmut Vollmer: Lyrik des Expressionismus

Gesetz und Übertretung –
Heinrich von Kleist (Seminar)

Sämtliche Texte des chronisch suizidalen Autors Heinrich von Kleist sind von der Frage nach dem Faktischen und der Unterscheidungsmöglichkeit von Wahrheit und Lüge durchdrungen. Doch was ist in der Wahrnehmungsmöglichkeit des Menschen eigentlich „der Fall“? Wer oder was können Gerechtigkeit, Hoffnung, Schönheit oder Liebe in ihrer unwiderlegbaren Faktizität begründen? Kleists Dichtung öffnet die Spannweite (oder auch den Abgrund…), die beim Versuch einer Sichtbarmachung des „offen-sichtlich“ Faktischen jenseits religiöser oder wissenschaftlicher Erklärungsmuster aufbrechen. Seine Literatur legt also eine kriminologische Spur, deren offenes Ende die radikalen, zerstörenden, paradoxen bis grotesken Konsequenzen, die im unverbrüchlichen Festhalten am Wahrheitsanspruch des Wirklichen liegen können, miteinschließt. Die um 1800 meistdiskutierte Frage nach der Verbindlichkeit der Empirie, jenseits ihrer transzendentalen Legitimierung, hat in ihren ethischen, politischen und juristischen Auswirkungen nichts an Brisanz verloren. In Kleists gnadenlosen Konflikten zwischen Gesetz und Übertretung bleibt der Begriff der Freiheit ein uneinholbarer Fluchtpunkt des Humanen. Dessen Infragestellung oder Befestigung bestimmt bis heute die Geschichte des Menschen.

Babylon Berlin 1911-1929

Nein, dies ist nicht das Seminar zur Serie „Babylon Berlin“…. Dennoch ist symptomatisch, dass mit dieser aktuell sehr erfolgreichen Fernsehserie eine Bildlichkeit aufgerufen wird, die zur Identifikation mit den ein Jahrhundert zurückliegenden Zwanziger Jahren einlädt und den Vergleich zum heute ganz anders sich zeigenden „Berlin“ impliziert. Das alttestamentarische Bild der „Hure Babylon“ ist mit Schrecken wie Faszination verbunden. Es geht um menschliche Hybris, Unübersichtlichkeit, menschlich-technischer Tat- wie Zerstörungskraft und auch um den emanzipatorischen Gedanken von (sprachlicher) Vielfalt jenseits religiöser und/oder ideologisch-normativer Vorstellungen von „Einheit“ und Ordnung. „Babylon“ ist daher auch eine Denkfigur der Moderne. Die Kultur der Moderne findet im Berlin der 1920er ihren idealen Ort und lässt zugleich die extreme Bedrohung durch Endzeit-Stimmungen oder konkrete politische Entwicklungen erkennen.