Aggregationen der Sprachbildlichkeit:

Öffentliches Kolloquium in Weimar, 29. und 30. Oktober 2021 in Präsenz.

Nichts scheint eloquenter als das „Buch der Natur“. Doch erschließt es sich in den Kulturen seit Jahrhunderten in unendlich vielfältigen Lesarten. Feuer, Erde, Luft und Wasser sind Topoi für das Beginnen einer Naturgeschichte der Welt und des sich erzählend und gestaltend zu ihr verhaltenden Menschen. Dabei finden wir eine Bildsprache des Lebendigen in allen vorstellbaren Variationen wieder. Die Aggregatzustände des Elementaren sind keine identitären Einheiten oder Substanzen, sondern energetische Verbindungen. Sie sind von Chaos wie Ordnung bestimmt. Diese Dynamik und Energie, die in der unendlichen Spanne zwischen extremer Verdichtung und maximaler Zerstreuung liegen, zeichnen auch die Sprache selbst aus.

Die Tagung eröffnet künstlerische, literarische und wissenschaftlich-transdisziplinäre Perspektiven, um die Unermesslichkeit des Festen, Flüssigen, Plasmatischen und Flüchtigen auszuloten und den entsprechenden sprachlichen „Handlungsspielraum“ der Natur aufzufächern (Projekt Thesaurus, www.sprachbildfahrzeuge.org). Es geht um die Wahrnehmungs- und Interaktionsweisen von Mensch und Natur, die nicht zuletzt ethische und gesellschaftspolitische Fragen aufbrechen lassen.

Im Gespräch sind dreizehn Autor/innen, Künstler/innen und Wissenschaftler/innen. Die Beiträge handeln von zerbrochenen Spiegeln, handfesten Inspirationen, von Textflüssen, dem Atem der Stimme oder von Flüchtigkeit und Schwere im Universum:

Freitag, 29. Oktober 2021

10.30-12.30
Re-Thesaurierungen der Natur
Ulrike Steierwald (Lüneburg): Aggregationen der Sprachbildlichkeit
Sonja Zeman (München): Spiegelbilder – Sprachliche Isomorphien
Wolfgang Kemp (Hamburg / Lüneburg): Cento, Theatrum, Essays – Aggregate vor und nach 1600

13.30-15.30
fest
Ulrike Draesner (Berlin / Leipzig): Der/die/das Fest
Marion Steinicke (Koblenz) & Heinz Georg Held (Pavia): Handfeste Inspirationen. Ikonen, Narrationen, Aggregate
Reinhard Laube (Weimar): Die Natur der Sammlungen

16.00-17.30
plasmatisch
Monika Rinck (Wien / Berlin): Die hirschbesiedelnde Rachendassel
Yvonne Förster (Lüneburg): Technē – Plasmatisches Trasformationsgeschehen

18.00 Abendveranstaltung
The Making of a Thesaurus: Vorstellung einer neuen Art, die Sprache beim Wort und die Vorstellung beim Bild zu nehmen – frei nach Gottfried Wilhelm Leibniz‘ „Drôle de Pensée, touchant une nouvelle sorte de représentations“:
Wir greifen Leibniz‘ Gedankenscherz aus dem Jahr 1675 auf, in dem er eine Inszenierung sämtlicher möglicher Erfindungen entwarf, und zeigen 13 Kurz-Performances mit Proben zu Festem, Flüssigem, Plasmatischem und Flüchtigem.

Samstag, 30. Oktober 2021

9.00-10.30
flüssig
Aris Fioretos (Stockholm / Berlin): Wasser im Wasser
Andrea Polaschegg (Siegen): Textflüsse

11.00-12.30
flüchtig
Christine Gruber (Linz): Konzepte der Flüchtigkeit und Schwere im Universum
Lilian Robl (München): Atem – Stimme – Wort

13.30-15.30 (nicht öffentlich)

Aggregationen – Modelle – Sprachbildliche Modellierung
Zusammenfassung der Thesaurus -Tagung und Ausblick mit allen Referent/innen

Näheres zum Programm und den Referent/innen: >>Programmheft

Ort: Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Platz der Demokratie 4
99423 Weimar
Deutschland

Gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung
Konzeption und Leitung: Ulrike Steierwald
Die Veranstaltung findet in Präsenz statt. Wir bitten um Anmeldung unter: nina.pries@leuphana.de

 

Ulrike Draesner, Ulrike Steierwald und Aris Fioretos über Bewegungen im „Dazwischen“ in der Reihe „Übersetzen! Das Schreiber-Sofa im Bücherkubus“, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Klassik Stiftung Weimar.

In Vergils sechstem Gesang der Aeneis begegnen wir Charon, dem Fährmann und Übersetzer ins Totenreich. Ein grimmiger, schmutzig-struppiger Greis, der stumme, glühende Blicke schleudert. Eigentlich kein Typ, dem man seine Seele für die Überfahrt, für den Raum des Dazwischen, anvertrauen möchte. Und dennoch drängen die Schatten der noch nicht begrabenen Toten heran, um endlich dem Ufer der Lebenden zu entfliehen. In allen Kulturen wird zur Vorbereitung dieser Schwellensituation ökonomische Vorsorge betrieben, sei es in Form der Münze, die den Toten für den widerborstigen Fährmann als Tribut unter die Zunge gelegt wird, sei es durch Testamente für die sogenannte Nach-Welt oder das Gebet.

Im Mythos hingegen und in der in seiner Tradition und Transformation stehenden Literatur wird die Sprache zu einem wirkmächtigen Faustpfand fürs prekäre Zwischenreich. Die Literatur holt den guten alten Fährmann schon zu Lebzeiten in der unendlichen Spannweite zwischen Himmel und Abgrund, Ufer und Ufer ein. Denn Sprache ist Disponierung, ein Sich-ins-Verhältnis-Setzen vom einen zum anderen. Und sicherlich zählen das Schwimmen und Fliegen zu den schönsten wie gefährlichsten der zahllosen poetischen Aufholbewegungen in dieser Zwischenposition. Besonders spannend wird es, wenn sich die Dichter*innen selbst der Übersetzung des Übersetzens, also der literarischen Übersetzung aus der anderen in die eigene und der eigenen in die andere Sprache, widmen.

Drei Expert/innen fürs Schwimmen und Fliegen sprachen über Höhenflüge und Abstürze, Luftschlösser und versunkene Länder, das Sterben und die Kunst des Übersetzens.

30. Oktober 2021, 18.00 Uhr, in Präsenz!
Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Klassik Stiftung, Studienzentrum

Platz der Demokratie 4
99423 Weimar
Deutschland

Politik und Literatur in der virtualisierten Gesellschaft.

9. November 2021, Literaturhaus Hamburg. Zu Gast: Regula Venske, Özlem Özgül Dündar, Petra Morsbach sowie Rainer Moritz und Ulrike Steierwald

Die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Politik ist so alt wie die Entstehung der Künste im Zeichen der »Polis«, der Öffentlichkeit. Und doch hat diese konfliktreiche wie fruchtbare Beziehungsgeschichte in den letzten Jahren eine neue Qualität und Brisanz angenommen. Der vielgescholtene Elfenbeinturm interessiert uns kaum noch. Sichtbarkeit, Publikation und damit Wahrnehmbarkeit – und sei es als »Turm« – sind grundlegende Parameter der Künste. Sie entlassen auch die Dichtung nicht aus der Frage nach ihrer Verantwortung, die zwar nicht als politisch bezeichnet werden müsste, aber ebenso wenig unpolitisch genannt werden kann.

Doch wie sind Sichtbarkeit und Dunkel in einer globalisierten, digital vernetzten Welt definiert? Regime der Unterdrückung, des Machtmissbrauchs und der Vernichtung sind in den Grenzauflösungen von öffentlichem und privatem Raum heute schwer zu lokalisieren. Die medial inszenierte Ereignishaftigkeit von Katastrophen, die uns – scheinbar »über Nacht« –  mit Zerstörung und Gewalt konfrontiert, führt nicht nur in »sozialen« Netzwerken zu ratloser Meinungsproduktion und Verschwörungsängsten. Können literarische, fiktionale Texte hier eine eigene Sprache entgegensetzen, die der Sichtbarmachung wirklicher und wirkmächtiger Prozesse dient? Wie sensibilisieren sie für Fake, Fakt und Fiktion? Und sind die Kritikpotenziale des Möglichkeitsdenkens und eines kulturhistorischen, sprachlichen Bewusstseins »freier« Schriftsteller:innen heute überhaupt noch freizusetzen?

Über diese und andere Fragen sprechen:

Özlem Özgül Dündar, Freie Schriftstellerin
Rainer Moritz, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Leiter des Literaturhauses Hamburg
Petra Morsbach, Freie Schriftstellerin
Ulrike Steierwald, Literaturwissenschaftlerin, Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg
Regula Venske, Freie Schriftstellerin, Präsidentin des deutschen PEN

Dienstag, 9. November 2021, 19.00 Uhr, Eintritt: € 12,–/8,–
Ort: Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38, 22087 Hamburg
Tickets unter www.literaturhaus-hamburg.de/programm/veranstaltungen

Ein Podiumsgespräch in der Veranstaltungsreihe SCHÄTZE in Kooperation mit

Projekt »Thesaurus der Sprachbildlichkeit«
www.sprachbildfahrzeuge.org

Sammlungen und ihre (Re-)Präsentation zwischen Weltentwurf und Fetischisierung.

Podiumsgespräch in Kooperation mit dem Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK), Hamburg, Mi, 14. Oktober 2020, 19.00 Uhr > Unter optimalen Sicherheitsvorkehrungen wurde im ausgebuchten Hörsaal des Museums nicht zuletzt der unschätzbare Wert einer gesellschaftlichen Präsenz von Wissenschaft und Künsten deutlich. Ergo: Wir planen weiter!

Es diskutierten: Wolfgang Kemp (Kunsthistoriker) und Ulrike Steierwald (Literaturwissenschaftlerin) mit Reinhard Laube, Historiker und Direktor der HAAB, Klassik Stiftung Weimar / Barbara Plankensteiner, Sozialanthropologin und Direktorin des MARKK Hamburg / Bernd Scherer, Philosoph und Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin.

Zum Thema:

Schätze scheinen repräsentative Zeichen der Macht. Mytho­logisch besaßen sie jedoch jenseits der Repräsentation einen ungeheuren Wert. Die Wertschätzung der in Riten und Kulte eingebundenen (An­)Sammlungen von Dingen war weder zu bemessen noch instrumentell zu begründen oder ökonomisch zu verwerten. Was heute in Sammlungen und Ausstellungen als im übertragenen Sinne kulturelle »Schätze« tradiert wird, umfasst auch Alltagsgerät, Kriegswaffen oder ehemalige per sön­liche Besitzstücke. Koloniale Expansion und ein neuzeitlich­ europäisches Kunstverständnis führten im 19. Jahrhundert in Museen, Archiven und Bibliotheken zu Ein­- wie Zurichtungen solcher »Schätze«. Diese Institutionen zielten auf Mehrwert­generierung – sei es durch Repräsentation staatlicher Macht, wissenschaftliche Auswertungen oder Bildungsziele – und trugen damit maßgeblich auch zu radikalen Veränderungen von Kulturen bei.

treasure / erasure: Die Gleichzeitigkeit von Aneignung, Samm­lung, Tradition und Zerstörung ist heutigen öffentlichen Institutionen, die für eine Sichtbarmachung der »Künste und Kulturen der Welt« Verantwortung tragen, bewusst. An der Erschließung der Provenienzen, der individuellen Geschichten wie der Geschichtlichkeit von Sammlungen wird an vielen Stellen gearbeitet. Aber was sind die konkre­ten Konsequenzen in den neuen Konzeptionen dekolonialen Denkens, für weitere Ergänzungen oder Verminderungen der Sammlungen oder für öffentlichkeitswirksame Veran­staltungsprogramme? Zu fragen ist auch, ob und wie eine andere Begriffs­- und Kulturgeschichte des »Schatzes« und der »Welt« zur Klärung beitragen können.

Erste Veranstaltung in der Reihe SCHÄTZE, Projekt »Thesaurus der Sprachbildlichkeit«

In der Reihe „Konstellationen“ der Klassik Stiftung Weimar:  Vortrag über die Profilbildung von historischen Sammlungen unter dem Aspekt der Paradoxie offener Systeme. Das Kurzinterview im Anschluss des Vortrags (Reinhard Laube, Herzogin Anna Amalia Bibliothek) als Video : > Video

– so war das in­iti­ie­ren­de Kol­lo­qui­um für ein Pro­jekt über­schrie­ben, das 2018 im neuen Zentralgebäude der Leuphana Universität (Libeskind) sei­nen An­fang nahm. Ziel die­ses Künste und Wis­sen­schaf­ten trans­dis­zi­plinär zu­sam­menführen­den Pro­jek­tes ist ein di­gi­ta­ler „The­sau­rus li­te­ra­ri­scher Sprach­fi­gu­ren und Bild­be­grif­fe“, ein po­ly­di­men­sio­na­les Uni­ver­sal­mo­dell der sprach­li­chen Möglich­keitsräume der Kunst.
Teilnehmer/innen der ers­ten of­fe­nen Run­de wa­ren Nora Gom­rin­ger, Fe­li­ci­tas Hop­pe, Noémi Kiss, Li­li­an Robl so­wie Wolf­gang Kemp (Kunst­ge­schich­te), Yvon­ne Förs­ter (Phi­lo­so­phie), Ger­hard Lau­er (Di­gi­tal Hu­ma­nities), Bar­ba­ra Nau­mann (Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft), Ruth Neu­bau­er-Pet­zoldt (Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft), Eve­li­ne Good­man-Thau (Jüdi­sche Re­li­gi­ons- und Geis­tes­ge­schich­te), Achatz von Müller (Ge­schich­te) und Ul­ri­ke Stei­er­wald (Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft). Die fol­gen­de au­dio­vi­su­el­le Do­ku­men­ta­ti­on in 16 Tei­len ist nicht nur eine Einführung in das Pro­jekt, son­dern auch eine viel­stim­mi­ge Mo­du­la­ti­on des Bild­be­griffs HERZ und sei­ner Fi­gu­ra­tio­nen, in de­ren dy­na­mi­schen wie po­ly­va­len­ten Be­stim­mun­gen sich be­reits ex­em­pla­risch ers­te Rea­li­sie­rungsmöglich­kei­ten ei­nes The­sau­rus – d.h. ei­nes „Schatz­hau­ses“ – sämt­li­cher Fi­gu­ra­tio­nen und Bild­be­grif­fe in deut­scher Spra­che ab­zeich­nen.

Die De­fi­ni­tio­nen Eu­ro­pas in ih­rer Re­la­ti­on zum Be­griff der Mi­gra­ti­on sind von vor­aus­set­zungs­vol­len his­to­ri­schen wie ak­tu­el­len Iden­titätskon­struk­tio­nen abhängig. Die Be­stim­mun­gen des „Ei­ge­nen“ und „Frem­den“ durch räum­li­che Grenz­zie­hun­gen prägen zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts we­ni­ger na­tio­na­le Kon­zep­te, sie sind viel­mehr in den di­ver­sen Ar­gu­men­ta­ti­ons­mus­tern des Eu­ro­pa-Dis­kur­ses vi­ru­lent. In den sich auffällig lo­kal bzw. re­gio­nal for­mie­ren­den Pro­test­be­we­gun­gen ge­gen Mi­gra­ti­on wie Glo­ba­li­sie­rung spielt die de­zi­diert ge­gen “außer­eu­ropäische Kul­tu­ren“ ge­rich­te­te Ag­gres­si­on eine zen­tra­le Rol­le. Aber auch in der Grenz­si­che­rung der Eu­ropäischen Uni­on und in der Ver­ur­tei­lung is­la­mis­ti­scher Ter­ror­an­schläge und Ge­walt wur­de und wird auf eine „kul­tu­rel­le“ eu­ropäische Iden­tität im Sin­ne uni­ver­sa­lis­tisch wirk­sa­mer Wert­set­zun­gen der eu­ropäischen Aufklärung – De­mo­kra­tie, To­le­ranz, Selbst­be­stim­mung, Öko­no­mie – re­kur­riert. Die­se sind wei­ter­hin auf ein räum­lich ver­an­ker­tes Selbst­verständ­nis an­ge­wie­sen.

An­ge­sichts der ak­tu­el­len Of­fen­le­gung ei­ner man­geln­den Ein­heit und Iden­tität Eu­ro­pas bre­chen nur schein­bar Kon­nex und Ver­an­ke­rung des Wie­der­er­kenn­ba­ren und Iden­ti­schen in na­tio­na­len, re­gio­na­len wie auch kon­ti­nen­ta­len Kol­lek­ti­vie­rungs­mus­tern zu­sam­men. Der he­ge­mo­nia­le Ges­tus der Selbst-Ermäch­ti­gung und Selbst-Bestäti­gung ge­gen die aus dem „außer­eu­ropäischen“ Raum Flie­hen­den le­gi­ti­miert sich zu­neh­mend über den Kul­tur-Be­griff selbst – eine Ent­wick­lung, zu der sich die nach ihm be­nen­nen­den (Kul­tur-)Wis­sen­schaf­ten ver­hal­ten müssen. Während „Eu­ro­pa“ in sei­ner af­fir­ma­ti­ven, iden­titäts­stif­ten­den Zu­schrei­bung wie­der an Wert ver­liert, wird der Kul­tur-Be­griff im ak­tu­el­len po­li­ti­schen Dis­kurs präsen­ter. Da­bei geht es je­doch wei­ter­hin um räum­li­che Ver­an­ke­run­gen der je­wei­li­gen Iden­ti­fi­ka­ti­on, sei es in Spra­che, Kol­lek­ti­vie­rung, Er­in­ne­rung oder emo­tio­na­ler Bin­dung.

Migration und Europa in kulturwissenschaftlicher Perspektive
Zweite Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft (KWG)
6. bis 8. Oktober 2016 an der Universität Vechta

Pa­nel: Über­setz­te Fi­gu­ra­tio­nen. Räum­li­che Entwürfe eu­ropäischer „Kul­tur“ (Lei­tung: Ul­ri­ke Stei­er­wald)

Siehe auch: Transiträume der Flucht auf www.literaturkritik.de

und

Ulrike Steierwald, « Europa – Heimat als Groteske », Germanica [En ligne], 56 | 2015, mis en ligne le 30 septembre 2017, consulté le 24 août 2019. URL : http://journals.openedition.org/germanica/2903

JOHANN GEORG KEYSSLERS NEUESTE REISEN (1740)

„Ehe der Rhein zu sei­nem sehr stei­len Schuß kommt, ra­gen hin und wie­der vie­le Fel­sen aus dem Grun­de her­vor. Beym Fal­le selbst theilt er sich in drey Flüsse, wel­che durch ih­ren grünen Grund und ihr schnee­weißes Stru­deln dem Zu­schau­er eine an­ge­neh­me Au­gen­wei­de, hin­ge­gen durch das Brau­sen sei­nem  Gemühte so­wol Be­wun­de­rung als Ent­set­zen ver­ur­sa­chen.“ – Nein, die­se Pas­sa­ge über den Rhein­fall bei Schaff­hau­sen ist kein Aus­schnitt aus Wil­helm Hein­ses viel­zi­tier­ter Be­schrei­bung in sei­nem Rei­se­ta­ge­buch von 1780, son­dern ent­wirft eine thea­tra­le Sze­ne­rie aus den vier­zig Jah­re zu­vor er­schie­ne­nen  Neu­es­ten Rei­sen von Jo­hann Ge­org Keyßler. Die­se im 18. Jahr­hun­dert meist re­zi­pier­te Rei­se­be­schrei­bung „durch Deutsch­land, Böhmen, Un­garn, die Schweiz, Ita­li­en und Loth­rin­gen“ ent­spricht nicht den durch die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft kon­stru­ier­ten gat­tungs­poe­to­lo­gi­schen Stan­dards. Li­te­ra­tur­ge­schicht­lich wer­den An­schau­lich­keit und nar­ra­ti­ve Ver­ge­genwärti­gun­gen von Re­kon­struk­tio­nen  rei­send er­fah­re­ner Räume erst in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts ver­or­tet. Die seit der Jahr­hun­dert­mit­te ex­pan­die­ren­de,  um­fang­rei­che Rei­se­li­te­ra­tur-Pro­duk­ti­on im Geis­te der bürger­li­chen Bil­dungs­rei­se verführte dazu, das frühe 18. Jahr­hun­dert und da­mit die Ent­ste­hungs­zeit der Keyßler­schen Rei­sen gat­tungs­poe­tisch als „Vor­ge­schich­te“ des li­te­ra­ri­sier­ten Rei­sens im en­ge­ren Sin­ne und da­mit auch den Text als nicht li­te­ra­risch zu be­trach­ten. Als Leh­rer und Be­glei­ter auf der aris­to­kra­ti­schen Grand Tour voll­zieht Keyßler zwar kei­ne „li­te­ra­ri­sche Rei­se“ im Sin­ne der bürger­li­chen In­di­vi­dua­ti­on des Bil­dungs­ro­mans. Aber wie in kei­nem an­de­ren Be­richt die­ser Zeit kann hier das vom Mo­dus des Rei­sens aus­ge­hen­de Den­ken der Erzählung, des Ent­wurfs, der räum­li­chen Be­we­gung nach­voll­zo­gen wer­den, das erst viel später – an der viel­be­schrie­be­nen Epo­chen­schwel­le um 1800 – zum Kon­strukt sinn­li­cher, in­di­vi­du­el­ler Er­fah­rung wer­den wird.

Ulrike Steierwald:

Bewegte Betrachtung. Zur Literarisierung des Reisens. Vortrag auf dem 25. Germanistentag 2016, 25.-28. September 2016, Bayreuth / Panel: Erfahren, erspüren, empfinden: Techniken der sensuellen Vergegenwärtigung in der Reiseliteratur.

Erschienen in:

Keyßlers Welt. Europa auf Grand Tour, hrsg. von Achatz von Müller, u.a.. Göttingen: Wallstein 2018, S. 229-254.

 

Vortrag auf der Tagung „Bewegende Körper – Bodies in Motion“

3. Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft

Veröffentlichung:

Against Metaphor – Against Interpretation: Widerständige Sprachfiguren der Verkörperung. In:Literatur in der Medienkonkurrenz: Medientranspositionen 1800 -1900 – 2000. Dörr, V. & Goebel, R. J. (Hrsg.). Bielefeld: Aisthesis Verlag 2018

Die Private Sammlung:

Zeitgenössische Literatur zwischen Kontextualisierung und Vereinzelung

Wal­ter Ben­ja­mins Re­fle­xi­on „Ich pa­cke mei­ne Bi­blio­thek aus“ be­schreibt nicht nur die je­der Samm­lung ei­ge­ne Dia­lek­tik der Se­lek­ti­on und Zu­sam­menfügung von Tex­ten, son­dern – in Ana­lo­gie – auch das Wech­sel­spiel von Ver­ein­ze­lung und Kon­textua­li­sie­rung im Ges­tus des Schrei­bens selbst. Im Mo­ment des Aus­pa­ckens, in dem sich die pri­va­te, zu­sam­men­gefügte Ord­nung der Bi­blio­thek im pa­ra­do­xen Zu­stand ei­nes Um­zugs, ei­ner Rei­se oder des Exils –je­den­falls im Mo­dus der Mo­bi­lität und des Vorläufi­gen  be­fin­det – ma­ni­fes­tie­ren sich an der in ei­nem neu­en Kon­text wahr­ge­nom­me­nen Ma­te­ria­lität der Bücher auch neu re­flek­tier­te und erzählte Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­ten. Da­bei schafft der pri­va­te Raum, der trotz Mo­bi­lität und Vorläufig­keit durch die Er­in­ne­rung an die An­eig­nungs­ge­schich­ten der Bücher ent­steht, eine an­de­re ge­dank­li­che Ord­nung, in der ein ei­ge­nes Spre­chen und Schrei­ben be­gin­nen kann.

Der Vor­trag ana­ly­sierte Mo­bi­lität und Vir­tua­li­sie­rung als Kon­di­tio­nie­run­gen und Ge­lin­gens­be­din­gun­gen der zeit­genössi­schen Li­te­ra­tur. Sie ste­hen nur schein­bar im Ge­gen­satz zum Raum der Samm­lung in de­ren Ma­te­ria­lität, son­dern ma­chen viel­mehr die in Ben­ja­mins „Ich pa­cke mei­ne Bi­blio­thek aus“ sicht­bar wer­den­de Dia­lek­tik von Kon­textua­li­sie­rung und Kon­text­flucht – Öffent­lich­keit und Ver­ein­ze­lung – deut­lich. Es zeigt sich, dass auch in den Schreib­ver­fah­ren der Ge­gen­wart die Span­nung zwi­schen in­ter­tex­tu­el­len Ver­wei­sun­gen im Sin­ne der Samm­lung und ei­ner ubi­quitären Ästhe­ti­sie­rung der Le­bens­wel­ten of­fen bleibt.

Ort / Zeit: Autorschaft und Bibliothek: Sammlungsstrategien und Schreibverfahren, Internationale Tagung, Klassik Stiftung Weimar, 8. bis 10. November 2016   Mehr >>