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Der niemals begonnene Beginn ist der Albtraum des Autors. Würde er sich schlicht in die mythologische Tradition der ewigen Wiederholung des schon Gesagten, schon Geschriebenen einreihen, wäre sein Selbstverständnis als Urheber und Schöpfer in Frage gestellt. Eine ,,Antritts“-Vorlesung hingegen gibt durch den Ritus des Antretens, des Eintretens in die lnstitution der Universität einen Rahmen vor. Mit den literarischen Entwürfen des Anfangs haben es die Schriftsteller/innen seit der Geburt des freien Autors im 18. Jahrhundert und der Loslösung von den traditionsreichen historischen Regelpoetiken schwerer. Die Antrittsvorlesung skizziert Strategien und Riten, die das erste, leere Blatt dennoch immer wieder füllen.

Die Private Sammlung:

Zeitgenössische Literatur zwischen Kontextualisierung und Vereinzelung

Wal­ter Ben­ja­mins Re­fle­xi­on „Ich pa­cke mei­ne Bi­blio­thek aus“ be­schreibt nicht nur die je­der Samm­lung ei­ge­ne Dia­lek­tik der Se­lek­ti­on und Zu­sam­menfügung von Tex­ten, son­dern – in Ana­lo­gie – auch das Wech­sel­spiel von Ver­ein­ze­lung und Kon­textua­li­sie­rung im Ges­tus des Schrei­bens selbst. Im Mo­ment des Aus­pa­ckens, in dem sich die pri­va­te, zu­sam­men­gefügte Ord­nung der Bi­blio­thek im pa­ra­do­xen Zu­stand ei­nes Um­zugs, ei­ner Rei­se oder des Exils –je­den­falls im Mo­dus der Mo­bi­lität und des Vorläufi­gen  be­fin­det – ma­ni­fes­tie­ren sich an der in ei­nem neu­en Kon­text wahr­ge­nom­me­nen Ma­te­ria­lität der Bücher auch neu re­flek­tier­te und erzählte Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­ten. Da­bei schafft der pri­va­te Raum, der trotz Mo­bi­lität und Vorläufig­keit durch die Er­in­ne­rung an die An­eig­nungs­ge­schich­ten der Bücher ent­steht, eine an­de­re ge­dank­li­che Ord­nung, in der ein ei­ge­nes Spre­chen und Schrei­ben be­gin­nen kann.

Der Vor­trag ana­ly­sierte Mo­bi­lität und Vir­tua­li­sie­rung als Kon­di­tio­nie­run­gen und Ge­lin­gens­be­din­gun­gen der zeit­genössi­schen Li­te­ra­tur. Sie ste­hen nur schein­bar im Ge­gen­satz zum Raum der Samm­lung in de­ren Ma­te­ria­lität, son­dern ma­chen viel­mehr die in Ben­ja­mins „Ich pa­cke mei­ne Bi­blio­thek aus“ sicht­bar wer­den­de Dia­lek­tik von Kon­textua­li­sie­rung und Kon­text­flucht – Öffent­lich­keit und Ver­ein­ze­lung – deut­lich. Es zeigt sich, dass auch in den Schreib­ver­fah­ren der Ge­gen­wart die Span­nung zwi­schen in­ter­tex­tu­el­len Ver­wei­sun­gen im Sin­ne der Samm­lung und ei­ner ubi­quitären Ästhe­ti­sie­rung der Le­bens­wel­ten of­fen bleibt.

Ort / Zeit: Autorschaft und Bibliothek: Sammlungsstrategien und Schreibverfahren, Internationale Tagung, Klassik Stiftung Weimar, 8. bis 10. November 2016   Mehr >>

 

TANDEM: LITERATURWISSENSCHAFT UND WISSENSSOZIOLOGIE
Interdisziplinäre Tagung, Hannover, Schloss Herrenhausen, 2015

Während sich eine kul­tur­wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­te­te Phi­lo­lo­gie seit länge­rer Zeit den pro­duk­ti­ons- und re­zep­ti­onsästhe­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen des Be­wusst­seins und sei­ner sprach­li­chen Pro­jek­tio­nen zu­ge­wandt hat, fo­kus­siert kom­ple­mentär die Wis­sens­so­zio­lo­gie die sprach­lich-sym­bo­li­sche Ver­fasst­heit von Kul­tur und Ge­sell­schaft. Der Vor­trag be­leuch­tet aus die­ser zwei­fa­chen Per­spek­ti­ve zeit­genössi­sche ästhe­ti­sche und all­tags­kul­tu­rel­le Pro­duk­ti­ons- und Les­ar­ten am Bei­spiel der ge­sell­schaft­li­chen Dis­kur­se „Bil­dung“ und „Nach­hal­tig­keit“. Ihre Kern­kon­zep­te wer­den als zu ana­ly­sie­ren­de und zu deu­ten­de Ima­gi­na­tio­nen auf­ge­fasst.

Die bis­he­ri­ge Zurück­hal­tung der Phi­lo­lo­gi­en ge­genüber den ak­tu­ell so wir­kungsmäch­ti­gen So­zia­li­sa­ti­ons­in­stan­zen der Bil­dungs- und Nach­hal­tig­keits­dis­kur­se liegt we­ni­ger dar­an, dass sie All­tags­kul­tu­ren repräsen­tie­ren, son­dern dass sie ex­pli­zit bzw. sehr of­fen­sicht­lich von ge­sell­schaft­lich-nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben geprägt sind, die die Ge­fahr ber­gen, den wis­sen­schaft­li­chen Blick selbst un­ter Ideo­lo­gie­ver­dacht ge­ra­ten zu las­sen. Wir­kungsmäch­tig sind bei­spiels­wei­se für die „Nach­hal­tig­keit“ das Dis­po­si­tiv der Be­wah­rung, für die „Bil­dung“ das der Ent­wick­lung, also zwei auch mit ge­genwärti­gen po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Dis­kur­sen eng ver­schränkte Nor­ma­lis­men. Eine Phi­lo­lo­gie, die zu­min­dest auch auf Re­le­vanz in der zeit­genössi­schen Kul­tur zielt, kann dort an­set­zen und sich bei ih­rer Ana­ly­se auf eine er­neu­er­te, pro­duk­ti­ons- und re­zep­ti­onsästhe­tisch aus­ge­rich­te­te Me­tho­do­lo­gie des Ver­ste­hens stützen. Im Be­wusst­sein für die im­pli­zit im­mer schon wirk­sa­men nor­ma­ti­ven Dis­po­si­ti­ve – auch der ei­ge­nen Wis­sen­schaft – könnte so in der Ent­wick­lung ak­tu­ell re­le­van­ter Fra­ge­stel­lun­gen auch eine Ver­mitt­lungs­funk­ti­on für un­ter­schied­li­che kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­pli­nen ei­ge­nom­men wer­den.   Mehr