Forschungsmodul im neuen Masterstudiengang an der Fakultät Bildung, ab WS 15/16

Spätes­tens seit Mi­chel Fou­caults „Die Ord­nung der Din­ge“ wis­sen wir, dass jede Kul­tur über die Wirk­sam­keit der sie for­mie­ren­den Macht­ge­set­ze ana­ly­siert wer­den kann. Die sehr of­fen­sicht­lich Form, Struk­tur, Ori­en­tie­rung, So­zia­li­sa­ti­on und Kon­trol­lier­bar­keit stif­ten­den Kul­tu­ren der „Bil­dung“ sind ohne die wir­kungsmäch­ti­gen Ima­gi­na­tio­nen der „Un-Ord­nung“ nicht denk­bar. In die­sem Mo­dul ste­hen Repräsen­ta­tio­nen und Pro­jek­tio­nen von Störung, De­sta­bi­li­sie­rung und Dys­funk­tio­na­lität im Mit­tel­punkt.

Das Pro­jekt­band macht be­wusst ein brei­tes wie me­tho­disch präzis de­fi­nier­tes Feld von For­schungs­fra­gen auf, um den ein­zel­nen Stu­die­ren­den wie klei­nen Pro­jekt­teams die Möglich­keit zu ge­ben, selbständig ei­nen the­men- und for­schungs­spe­zi­fi­schen An­satz zu ent­wi­ckeln. Ein Trans­fer der wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Fra­ge­stel­lun­gen auf Be­ob­ach­tungs- und Hand­lungs­fel­der der Schul­pra­xis ist vor­ge­se­hen. Mehr

HERTA MÜLLERS POETOLOGIE DER BILDLICHKEIT IM SPANNUNGSVERHÄLTNIS VON ÄSTHETIK UND POLITISIERUNG

Tagung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 11. – 13. Februar 2015 im Kloster Bronnbach

Wie po­si­tio­nie­ren sich Her­ta Müllers li­te­ra­ri­sche Tex­te, die von ei­ner stu­pen­den Bild­lich­keit und nach ih­rer ei­ge­nen Poe­to­lo­gie „vom Schwei­gen“ ge­lernt sind, im zeit­genössi­schen öffent­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs? War­um steht eine Au­to­rin, die sich ex­pli­zit nicht als öffent­li­che Per­son se­hen möchte und ihre Li­te­ra­tur als „er­fun­de­ne Wahr­neh­mung“ be­zeich­net, im­mer wie­der im Zen­trum des öffent­li­chen Re­dens und Schrei­bens über die kom­ple­xe Re­la­ti­on von Ästhe­tik und Po­li­tik? Mein Vor­trag ana­ly­siert Bei­spie­le, die die aus die­ser Wi­dersprüchlich­keit re­sul­tie­ren­de Schwie­rig­keit ei­ner Po­si­tio­nie­rung auf­zei­gen (No­bel­preis­ver­lei­hung 2009, Po­di­ums­gespräch mit Ai Wei­wei auf der lit.Co­lo­gne 2010, Po­di­ums­gespräch „Wie viel mo­ra­li­schen und po­li­ti­schen Kre­dit hat die Li­te­ra­tur zu ver­ge­ben?“ DLA Mar­bach 2011 u.a.). Her­ta Müllers li­te­ra­ri­sche Tex­te wie auch ihre Poe­to­lo­gie os­zil­lie­ren im Span­nungs­verhält­nis von In­sze­nie­rung und De­kon­struk­ti­on. Ihre Skep­sis ge­genüber den po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen des li­te­ra­ri­schen Dis­kur­ses wehrt sich ge­gen die Me­cha­nis­men des Funk­tio­nie­rens, des in den Dienst Neh­mens der Spra­che. Mit die­ser Ästhe­tik erfüllt Her­ta Müllers Li­te­ra­tur nicht nur die seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten vi­ru­len­ten li­te­ra­tur­theo­re­ti­schen Pa­ra­dig­men ei­ner Poe­to­lo­gie der Körper und Bil­der, sie trifft sich hier­in auch mit an­de­ren Au­to­rin­nen und Au­to­ren der Ge­gen­wart. Mein Vor­trag zeigt, dass Müllers Tex­te ei­ner­seits die Am­bi­va­lenz der Spra­che um­krei­sen, an­de­rer­seits – so­bald sie in die me­dia­le Öffent­lich­keit ein­tre­ten – selbst auf ei­nem schma­len Grat aus­ge­setzt sind, der zwi­schen Re­le­vanz und Ver­ein­nah­mung, In­sze­nie­rung und Funk­tio­na­li­sie­rung, In­di­vi­dua­ti­on und De­kon­struk­ti­on verläuft. In­so­fern ent­spre­chen sie ei­ner­seits heu­ti­gen Wer­tungs­kri­te­ri­en der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft und Kul­tur­theo­rie, ver­wei­gern sich aber an­de­rer­seits im­mer wie­der ei­ner Sys­tem­kon­for­mität und da­mit Po­si­tio­nie­rung. Mehr